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Von Ihren Blutzellen zu Krankheitsmodellen: Wie die iPSC-Technologie die Forschung zu seltenen Krankheiten revolutioniert

  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit

Eine kurze Geschichte: Von der Entdeckung bis zum Nobelpreis

Im Jahr 2006 gelang dem japanischen Wissenschaftler Shinya Yamanaka ein Durchbruch, der die biomedizinische Forschung revolutionieren sollte. An der Universität Kyoto zeigte Yamanaka zusammen mit seinem Studenten Kazutoshi Takahashi, dass adulte Mauszellen durch die Einführung von nur vier Genen – den heute als „Yamanaka-Faktoren“ bekannten – in einen embryonalen Zustand zurückprogrammiert werden können .


Der japanische Wissenschaftler Shinya Yamanaka
Shinya Yamanaka

Ein Jahr später, 2007, gelang es, menschliche Zellen mit demselben Verfahren erfolgreich umzuprogrammieren. Für diese Entdeckung teilte sich Yamanaka 2012 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin mit John B. Gurdon, dessen Pionierarbeit zur Zellkerntransplantation bei Fröschen Jahrzehnte zuvor die theoretischen Grundlagen gelegt hatte.


Warum war das so revolutionär? Weil Biologen jahrelang glaubten, dass eine spezialisierte Zelle (wie eine Haut- oder Nervenzelle) nie wieder in einen unreifen Zustand zurückkehren könne. Yamanaka widerlegte diese Annahme.


Was sind iPS-Zellen?

Eine induzierte pluripotente Stammzelle (iPSC) ist eine Zelle, die so umprogrammiert wurde, dass sie sich wie eine embryonale Stammzelle verhält.

Das Wesentliche ist: Durch die Einführung von vier Transkriptionsfaktoren (Oct4, Sox2, Klf4 und c-Myc) können Forscher eine ausgereifte Zelle in ihren ursprünglichen Zustand „zurücksetzen“ – einen Zustand, in dem sie sich potenziell zu jedem Zelltyp im Körper entwickeln kann.


Der Prozess dauert 3-6 Monate und umfasst Folgendes:

  1. Entnahme einer Blutprobe von einem Patienten

  2. Vorstellung der vier Umprogrammierungsfaktoren

  3. Kultivierung der so entstandenen iPS-Zellen im Labor

  4. Sie werden dazu angeleitet, sich zu bestimmten Zelltypen (Neuronen, Herzmuskelzellen usw.) zu entwickeln.

  5. Erforschen, was bei Krankheiten schiefgeht


Warum es für die Krankheitsforschung wichtig ist

Jahrzehntelang beruhte die Erforschung seltener genetischer Erkrankungen auf zwei unvollkommenen Ansätzen:


Tiermodelle – Sie sind zwar schnell in der Anwendung, aber Tiere verhalten sich nicht immer wie Menschen. Stoffwechseltechnisch, physiologisch und genetisch bestehen erhebliche Unterschiede. Mäuseherzen schlagen 400–800 Mal pro Minute, menschliche Herzen hingegen nur 60–100 Mal. Diese Unterschiede sind nicht unerheblich – sie beeinflussen, wie Zellen auf Medikamente und Krankheiten reagieren.


Menschliche Gewebeproben – von direkter Relevanz, aber extrem schwierig zu gewinnen und am Leben zu erhalten.


iPS-Zellen haben dieses Problem gelöst: Forscher können nun eine „Krankheit in der Petrischale“ erzeugen – Patientenzellen, die in die exakten Zelltypen umprogrammiert wurden, die von der Krankheit betroffen sind, und zwar in unbegrenzter Menge.


Aktuelle klinische Realität

iPSC-basierte Therapien sind nicht länger theoretisch:


Laufende klinische Studien: Stand Dezember 2024 laufen weltweit über 115 klinische Studien, in denen auf pluripotenten Stammzellen basierende Behandlungen (sowohl iPSC als auch ESC) für Erkrankungen wie Parkinson, Sehverlust und Immunstörungen eingesetzt werden.

Unterstützung durch die FDA: Es scheint, dass die FDA die Entwicklung von Medikamenten auf Basis von iPS-Zellen ausdrücklich als Alternative zu Tierversuchen fördert.

Erste Erfolge: In einem Fall wurden aus iPS-Zellen gewonnene Hornhautzellen einem Patienten mit Hornhauterkrankung transplantiert. Der Patient erlangte sein Sehvermögen ohne Nebenwirkungen zurück.


Das Problem der Arzneimittelentwicklung

Etwa 90 % der Medikamente, die in klinische Studien am Menschen aufgenommen werden, scheitern letztendlich . Diese Statistik wird häufig falsch interpretiert. Hier ist, was sie tatsächlich bedeutet:


  • Nur etwa 10 % der Medikamente, die in die Phase-I-Studien am Menschen eintreten, werden letztendlich zugelassen.

  • Dies spiegelt nicht in erster Linie das Versagen von Tierversuchen wider.

  • Es offenbart vielmehr die Komplexität menschlicher Krankheiten und die Schwierigkeit, präklinische Erkenntnisse (sei es aus Tierversuchen, Zellstudien oder anderen Quellen) in eine wirksame Behandlung für den Menschen zu übertragen.


Das eigentliche Problem: Komplexe Erkrankungen sind auf das Zusammenspiel mehrerer Gene, Umweltfaktoren und individueller Unterschiede zurückzuführen. Kein präklinisches Modell – weder Maus- noch iPSC-Modell – bildet die menschliche Erkrankung perfekt nach. iPSCs kommen der menschlichen Erkrankung jedoch deutlich näher als Mäuse, da es sich um menschliche Zellen mit den exakten genetischen Mutationen des Patienten handelt.


Und wie sieht es mit LMBRD2 aus?

Bei einer seltenen genetischen Erkrankung wie LMBRD2 bietet die iPSC-Forschung konkrete Vorteile:


🔵 Das Gen wird noch erforscht. Der Zusammenhang zwischen LMBRD2-Varianten und neurologischen Entwicklungsstörungen wurde 2021 festgestellt. Die normale Funktion des Gens wird weiterhin untersucht.

🔵 Patientenzellen sind entscheidend. Da nur wenige Menschen betroffen sind, ist die direkte Untersuchung von aus iPS-Zellen gewonnenen Neuronen von LMBRD2-Patienten – also die Beobachtung der auftretenden zellulären Defekte – weitaus praktischer als die Hoffnung, geeignete Tiermodelle zu züchten.

🔵 Mechanismus zuerst, Behandlung danach. Bevor eine Therapie (sei es ASO, Gentherapie oder eine andere) entwickelt werden kann, müssen Forscher genau verstehen, was auf zellulärer Ebene schiefgeht. iPS-Zellen ermöglichen dieses Verständnis.


Die ehrlichen Grenzen

Die iPSC-Forschung ist vielversprechend, aber keine Wunderlösung:


Noch in der Entwicklung: Viele iPSC-Therapien befinden sich in frühen klinischen Studienphasen. Es bestehen weiterhin Sicherheitsfragen.

Kosten und Zeit: Die Erstellung und Charakterisierung patientenspezifischer iPSC-Linien ist teuer und zeitaufwändig (6-12 Monate pro Linie).

Technische Herausforderungen: iPS-Zellen können während der Reprogrammierung Chromosomenaberrationen erwerben. Qualitätskontrolle ist daher unerlässlich.

Keine Garantie für die Translation: Ein in iPSC-Modellen identifizierter Krankheitsmechanismus muss noch validiert und zu einer tatsächlichen Behandlung weiterentwickelt werden – ein Prozess, der Jahre dauern kann.


Was geschieht als Nächstes?

Der Forschungsablauf für seltene Krankheiten sieht heute typischerweise so aus:


  1. Den Krankheitsmechanismus verstehen (iPS-Zellen liefern das Werkzeug)

  2. Identifizieren Sie potenzielle Angriffspunkte für Medikamente (was könnte blockiert oder modifiziert werden?).

  3. Screening von Therapiekandidaten (welche Moleküle zeigen Potenzial?).

  4. Validierung in weiteren Modellen (Test in komplexeren Systemen)

  5. Klinische Studien am Menschen (der letzte Schritt)


Jeder Schritt ist notwendig. Es gibt keine Abkürzung.


Häufig gestellte Fragen

F: Wird die iPSC-Forschung mein Kind heilen?

A: Die iPSC-Forschung ist ein entscheidender erster Schritt zum Verständnis von LMBRD2, wird aber keine sofortige Heilung hervorbringen. Man kann sie sich wie den Bau des Fundaments für ein Haus vorstellen – unerlässlich, aber noch nicht das fertige Gebäude. Sie hilft, die Ursachen für die Fehlfunktionen auf zellulärer Ebene zu identifizieren, was dann die Entwicklung potenzieller Therapien ermöglicht.


F: Wie viel kostet die iPSC-Forschung?

A: Die Erzeugung und Charakterisierung einer einzelnen iPSC-Linie kostet typischerweise 10.000 bis 30.000 US-Dollar. Ein komplettes Forschungsprogramm (mehrere Linien, Krankheitsmodellierung, Wirkstoffscreening) kann 100.000 bis 500.000 US-Dollar kosten. Daher ist die Finanzierung durch Stiftungen und Forschungsstipendien unerlässlich.


F: Können wir jetzt schon Zellen spenden, auch wenn die Forschung noch nicht vollständig begonnen hat?

A: Ja! Blut- oder Hautproben können entnommen und gelagert werden. Diese Proben bleiben für die spätere iPSC-Herstellung geeignet. Sprechen Sie mit Ihrem Behandlungsteam über Biobanking-Optionen.


F: Mein Kind ist noch sehr jung – kann trotzdem Blut abgenommen werden?

A: Ja, allerdings können bei Kleinkindern auch geringere Blutmengen entnommen werden. Alternativ kann auch eine kleine Hautbiopsie (etwa so groß wie ein Radiergummi) durchgeführt werden. Ihr Ärzteteam berät Sie gern über das beste Vorgehen.


F: Wie lange dauert es, bis wir Ergebnisse sehen?

A: Realistischer Zeitplan: 1–2 Jahre für die Erzeugung von iPSC-Linien und deren Differenzierung zu Neuronen, 2–4 Jahre für das Verständnis der Krankheitsmechanismen, 4–6+ Jahre bis zur Entwicklung potenzieller Wirkstoffkandidaten. Das ist zwar nicht schnell, aber schneller als herkömmliche Ansätze bei seltenen Erkrankungen.


F: Was passiert, wenn die Forschung nichts Brauchbares findet?

A: Auch „negative“ Ergebnisse sind wertvoll – sie zeigen uns, was nicht funktioniert, und geben die Richtung für zukünftige Forschung vor. Jede gut konzipierte Studie trägt zum besseren Verständnis von LMBRD2 bei, selbst wenn sie nicht unmittelbar zu einer Behandlung führt.


Unser LMBRD2 iPSC-Projekt

Wir bereiten derzeit einen Antrag für die Forschungsinitiative „Models 2025“ der Fondation Maladies Rares vor, die gezielt die Entwicklung zellulärer und tierexperimenteller Modelle für seltene Erkrankungen fördert. Bei Bewilligung würde dieses Projekt das erste iPSC-basierte Krankheitsmodell für LMBRD2 etablieren.


Was würde dieses Projekt ermöglichen?

Das Universitätsklinikum Toulouse (CHU) unter der Leitung von Dr. Alban Ziegler und Dr. Julie Plaisancié würde diese Forschung unterstützen, indem es gemeinsam mit uns die Probenentnahme, die klinische Nachsorge und die Koordination mit dem Forschungslabor, das die iPSC-Arbeiten durchführt, übernimmt. Diese klinische Partnerschaft ist unerlässlich, um sicherzustellen, dass die biologischen Proben ordnungsgemäß entnommen, charakterisiert und mit detaillierten klinischen Daten jedes Patienten verknüpft werden.


Die vorgeschlagenen Projektziele:

  1. iPSC-Linien von LMBRD2-Patienten erzeugen

  2. Diese iPS-Zellen werden zu Neuronen differenziert (der Zelltyp, der bei LMBRD2 betroffen ist).

  3. Identifizieren Sie die Fehler auf zellulärer Ebene.

  4. Eine Plattform für zukünftige Drogentests schaffen


Wie Familien diese Bemühungen unterstützen können:

  • Teilen Sie Ihr Interesse an einer Teilnahme an der LMBRD2 iPSC-Forschung mit.

  • Führen Sie detaillierte medizinische Aufzeichnungen und die Krankengeschichte übersichtlich.

  • Bleiben Sie über den Projektfortschritt informiert.

  • Helfen Sie mit, das Bewusstsein für den Forschungsbedarf im Zusammenhang mit LMBRD2 zu schärfen.


Bei entsprechender Finanzierung wäre diese Stiftung unerlässlich für die gesamte zukünftige Therapieentwicklung. Ohne das Verständnis der grundlegenden Krankheitsmechanismen in menschlichen Zellen können wir keine rationalen Behandlungen entwickeln.


Fazit

iPS-Zellen stellen einen echten Fortschritt für die Erforschung menschlicher Krankheiten dar. Sie sind zwar kein direkter Weg zur Behandlung, aber ein wertvolles Werkzeug zum Verständnis von Krankheitsmechanismen – und das Verständnis steht an erster Stelle.


Yamanakas Entdeckung aus dem Jahr 2006 zeigte, dass die zelluläre Spezialisierung nicht permanent ist. Diese Erkenntnis ermöglicht es Forschern weltweit heute, Krankheiten zu untersuchen, die zuvor unerforscht waren.


Für LMBRD2 und andere seltene genetische Erkrankungen bietet die iPSC-Technologie einen vielversprechenden Weg: Patientenzellen, menschliche Biologie, Antworten, die Tiermodelle nicht liefern können.


Möchten Sie mehr erfahren? Verfolgen Sie unsere Fortschritte bei der Einreichung dieses Forschungsantrags und dem Aufbau der wissenschaftlichen Grundlage, die LMBRD2-Familien dringend benötigen.


Das Verständnis seltener Erkrankungen verbessert sich durch die Teilnahme an Forschungsprojekten. Jede Familie, die Daten oder Proben beisteuert, trägt dazu bei, das wissenschaftliche Wissen zu erweitern, das eines Tages zu Therapien führen wird.


Für weitere Informationen zur Teilnahme an der LMBRD2-Forschung oder zur Kontaktaufnahme mit unserer Patientengemeinschaft wenden Sie sich bitte an uns: contact@lmbrd2.org

 
 
 

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